Bin ich selbst gläubig? Ja und Nein. Ich wurde evangelisch erzogen, die Kirche und der Glaube spielte aber in unserer Familie keine vordergründige Rolle. Als Kind erinnere ich mich, dass wir vor dem Essen immer gemeinsam ein kurzes Gebet gesprochen haben und auch vor dem Einschlafen hat meine Mama immer mit mir gebetet. Ich kann gar nicht genau sagen, wann und warum das dann irgendwann eingeschlafen oder in den Hintergrund gerückt ist, aber irgendwann war es eben so. Christliche Feiertage wurden in unserer Familie immer gefeiert und als etwas Besonderes betrachtet, mehr aber als Teil unserer Kultur, denn als spezielle Feierlichkeit eines besonderen Ereignisses der Bibel. Meine Eltern haben mir immer vermittelt, dass die persönliche Einstellung und Haltung unser Leben beeinflussen, dass unsere Gedanken unsere Umwelt erschaffen, dass man das, was man gibt und ausstrahlt auch so zurückbekommt und dass Dankbarkeit unser oberstes Gut ist. Im Grundsatz also schon eine christliche Ansicht und Lebensweise geprägt von Nächstenliebe und guten Taten. Mir wurde aber nie vermittelt, dass ich für Sünden bestraft würde oder Angst und Ehrfurcht empfinden müsste und das finde ich sehr gut so.

Cathédrale Notre-Dame de Paris (vor dem Brand)

Sacre-Coeur Paris

Ein Wendepunkt in meiner "Beziehung zu Gott" (wenn man es so nennen möchte) waren dann christliche Reiterfreizeiten des evangelischen Jugendwerks, die ich seit meinem 11. Lebensjahr einmal im Jahr besuchen durfte. Immer an Pfingsten ging es für gute zehn Tage zum gleichen Reiterhof und es war von früher Jugend bis hin zum Erwachsenenalter mein Jahreshighlight. Ich fuhr später auch als Betreuer noch mit, nachdem ich als Teilnehmer zu alt war. Dort gab es täglich eine Stunde zu einem bestimmten Thema in der Bibel, die im Wechsel von verschiedenen Betreuern vorbereitet wurde. Man hat dann gemeinsam eine Geschichte gehört, darüber gesprochen und fast immer tolle, kleine Erinnerungsstücke mitgenommen oder gebastelt.

In dieser Zeit habe ich mich sehr intensiv mit Gott und meinem Glauben beschäftigt und habe auf den Freizeiten genau die Stimmung vorgefunden, die mich auch bei der Hochzeit von Annika & Elias im Februar so fasziniert hat. Ich bin sicher, diese Zeit in meinem Leben und die Freizeiten haben mich geprägt und die Entwicklung in meiner Jungend nachhaltig beeinflusst - die Liebe Zuhause, das Miteinander auf den Freizeiten und die Dinge, die ich dadurch über das Leben und mich selbst lernen durfte, haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich habe dort auch mein Talent und meine Liebe für die Musik entdeckt, bis heute ein ganz wichtiger Teil meiner Persönlichkeit und meines Lebens.

Woran glaube ich also?

Ich glaube an Gott oder einen Schöpfer, ich glaube daran, dass jedes Lebewesen, jede Pflanze und jedes Ding auf dieser Welt eine Seele hat und einen bestimmten Zweck erfüllt, ich glaube daran, dass es keine Zufälle gibt und dass uns unser Weg zumindest grob vorherbestimmt ist. Ich glaube, dass ich durch meine Gedanken und mein Handeln ein guter Mensch bin und werde und jeden Tag aufs Neue die Chance habe das zu beweisen. Ich glaube an Gut und Böse, weiß aber, dass es nicht immer so ist, wie es auf den ersten Blick scheint und es nicht immer nur schwarz oder weiß ist.

Ich liebe Kirchen als Bauwerke, sie sind auf meinen Reisereportagen mitunter meine liebsten Motive und ich mag die ganz besonderen Energien dieser Orte sehr gerne. Auch finde ich die grundsätzliche Idee schön, einen sicheren Ort zu haben, an dem man seine Liebe zu Gott oder einem übergeordneten Wesen zeigen kann, an dem man sich geborgen fühlen und sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft.

Ich glaube aber vor allem, dass jede Religion ein Stück der Wahrheit trägt und es nicht den einen, richtigen Weg gibt. Ich glaube wir können von jeder Ansicht lernen und wachsen mit jedem neuen Eindruck und an jeder Erfahrung - ein Grund, warum ich das Reisen und Erkunden fremder Kulturen so liebe. In meiner ganz persönlichen Vorstellung ist Gott wie eine große Statue mit vielen, verschiedenen Gesichtern. Wir Menschen stehen mit unseren verschiedenen Kulturen einfach auf unterschiedlichen Seiten dieser Statue und sehen nur einen Teil davon.

Stephansdom Wien

Was mich an der Institution Kirche stört

Woran ich allerdings nicht unbedingt glaube, ist die Institution der Kirche. Ich glaube nicht daran, dass ich nur ein guter Mensch (oder Christ) bin, wenn ich regelmäßig in die Kirche gehe, bete und in der Bibel lese. Die Vorstellungen finde ich veraltet und es stört mich auch sehr, dass die Kirche sich nicht erneuert und anpasst an unser Zeitalter. Mit den Ansichten aus Rom zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe, Verhütung und der Rolle der Frau kann ich nun wirklich gar nichts anfangen. Ich weiß, dass nicht jeder Katholik so denkt und würde es mir nie erlauben alle über einen Kamm zu scheren. Fakt ist aber, dass diese Ansichten und die Aussagen, die dort zum Teil gemacht werden, für mich nichts mit Nächstenliebe und dem zu tun haben, was Jesus uns in meinen Augen zeigen und beibringen wollte.

Einfache Worte werden in alle Richtungen interpretiert und ausgelegt und irgendjemand bestimmt dann, was richtig und was falsch ist - das sind nicht die Lehren, die ich aus Texten und Geschichten der Bibel gezogen habe.

“Unsere Kirche und Religion ist für mich ein großer Bestandteil unserer Kultur, auch wenn ich nicht jede Ansicht teile und alles gut heiße.”


Warum bin ich also noch nicht ausgetreten?

Dafür gibt es zwei vorwiegende Gründe: Zum Einen ist unsere Religion für mich auch ein großes Stück unserer Kultur und egal, ob ich alles was die Kirche macht oder nicht macht für richtig halte, möchte ich diese Kultur bewahren. Die Kirche tut trotz aller Kritik viel Gutes und unsere Kirchensteuern werden zum Großteil wirklich für Bedürftige eingesetzt und helfen der Gemeinschaft. Zum anderen besuche ich, wenn auch nicht all zu oft, ab und zu gerne einen Gottesdienst, ich bin kein festes Gemeindemitglied, das man regelmäßig sieht und kennt, aber ab und an finde ich es schön, mir einmal ganz andere Gedanken zu machen, als sonst üblich. Wir haben bei uns im Ort und in den Nachbargemeinden sehr engagierte und moderne Pfarrer und die Predigten haben mich bisher immer interessiert und für neue Denkansätze gesorgt.

Möchte ich selbst kirchlich heiraten?

Als Hochzeitsfotografin durfte ich schon Paare begleiten, die sich nur standesamtlich getraut haben, andere mit kirchlichen und auch einige mit freien Trauungen. Jede einzelne Trauung hatte ihre tollen Momente, egal welcher Art, es gibt hierbei kein richtig oder falsch. Das wichtigste ist meiner Ansicht nach, dass die Trauung zum Paar passt und sie sich währenddessen wohl fühlen. Eine kirchliche Trauung nur der Tradition wegen und ohne, dass einer der beiden eine Beziehung zu Gott oder der Kirche hat, kann nicht so authentisch sein, wie ich es mir bei meinen Reportagen wünsche. Möchte ich selbst also einmal kirchlich heiraten?

Ehrlich gesagt kann ich das noch nicht genau beantworten. Wenn ich meine Hochzeit im Geiste vor mir sehe, dann ist es eher eine Trauung im Freien, in der Natur und mit einem Redner, der uns wirklich persönlich kennt und nahe steht. Als wir allerdings Ende 2019 die diamantene Hochzeit meiner Großeltern gefeiert und dafür auch eine kleine Zeremonie in der Kirche besuchen durften (Details könnt ihr hier nachlesen), haben Sven und ich beide gesagt, dass es irgendwie schon schön ist und die Stimmung hat uns sehr mitgenommen und berührt. So ganz klassisch in der Kirche hat eben doch seinen Charme und ist wie oben schon erwähnt einfach auch Teil unserer Kultur, mit der wir beide aufgewachsen sind.

Ich kann es noch nicht sagen, ob und wie wir uns entscheiden werden, aktuell brauche ich mir darüber sowieso noch keine Gedanken machen (er hat die Frage ja noch nicht gestellt).

Wenn es soweit ist, dann weiß ich jedenfalls eines: Egal wo und in welchem Rahmen unsere Trauung stattfindet, Gott wird dabei sein, uns beschützen und einen wundervollen Tag bescheren und all die geliebten Menschen, die er schon zu sich geholt hat, werden uns gemeinsam mit ihm von oben zusehen - daran glaube ich ganz fest.